Eine aktuelle Bemerkung

 

Corona ist kein Kinderspiel. Ich habe es am 28. Februar festgestellt, als mir klar wurde, dass wir die Immigrationsbuchmesse, die am 7. und 8. März hätte stattfinden sollen, würden absagen müssen. Zuerst aus Sorge, dass die Referenten und das Publikum wegbrechen würden, aber dann auch, weil uns deutlich wurde, dass wir als kleines Vorbereitungsteam die gesundheitlichen Standards gar nicht einhalten, einen Infektionsschutz nicht gewährleisten können.

 

Dass kurz darauf eine Lawine von Veranstaltungsabsagen folgen würde, war zu dem Zeitpunkt öffentlich noch kaum greifbar. Doch dann hat sich alles immer mehr verdichtet: Hier entsteht eine gefährliche Pandemie und entwickelt sich rasant weiter. Die Leipziger Buchmesse, die für alle Schreibenden sehr wichtig ist, fiel aus.

 

Ich war früh gewarnt, durch die Angst um meinen Mann Hans, der mit 72 Jahren zur höchsten Risikogruppe gehört. Er hat gerade eine Wirbelsäulen-OP überstanden und ist in der Mobilitätsphase. Es geht ihm täglich ein bisschen besser. Ich hab meinen Mann durch drei Krankheiten begleitet, den Herzinfarkt 2018, den Prostatakrebs 2019 und jetzt hat der die OP wegen der Spinalkanalstenose überstanden, und da soll er mir an Corona sterben??!

 

Andererseits spüre ich, diese Krise betrifft alle und nicht nur mich. Ich spüre, dass ich nicht nur an mich und meine Familie denken darf. Es werden sehr schwierige Zeiten, wenn das mit Medikament und Impfstoff so bald nichts wird.

 

Wenn es so kommt wie in Italien oder vorher in China und die große Infektionswelle in den nächsten Wochen auf uns zurollt, kommt es zu dramatischen Zuständen mit schweren Krankheitsverläufen und dramatischen Verlusten.

 

Manchmal denke ich an einen amerikanischen Katastrophenfilm, an dessen Ende, wenn die feindliche Invasion vorübergezogen ist, der Held und seine Gefährtin einsam über die Ruinen stiefeln. Nur dass das hier kein Fantasiemärchen ist, aus dem man aufwachen kann. So schwanke ich zwischen der Angst, dass der Tod meiner Liebsten eine reale Größe sein kann, und der Hoffnung auf die Erfolge von Forschung, Medizin und Politik.

 

Andere Menschen sind in noch viel extremeren Situationen. Das weiß ich. Aber wie kann ich mir das erfolgreich vor Augen halten, wenn mir die eigene Situation schwierig genug erscheint?

 

In meinem Leben habe ich mehrere schwere Krisen durchgestanden, die sich von der heutigen dadurch unterscheiden, dass damals nur ich betroffen war. Heute sind alle in Gefahr. Das Dreieck „Betroffener – Angehöriger – professioneller Helfer“ existiert bei Corona nicht mehr, denn alle können gleichzeitig in alle Rollen geraten.

 

Die Geduld aufzubringen, den Prozess hinzuziehen und es länger in dieser Situation auszuhalten, um damit Leben zu retten, ist eine große Herausforderung.

 

16. März 2020