Leseprobe

Aus: Die Liebenden von Wiesbaden. Novelle. Größenwahn Verlag.

 

1. Das Blau der fünf Seen

 

(...)

 

 

Über zwanzig Jahre ist es her. In der Holsteinischen Schweiz, auf einer Bootsfahrt durch die Fünf-Seen, zwischen Malente und Plön.

Ich war mit meiner Mutter auf dem Schiff. Du auch, mit einem Freund. Wir saßen uns gegenüber. Nur eine Tischplatte trennte uns. Eine Tischplatte und die Zeit. Ihr, zwei Männer um die sechzig. Der eine mit Halbglatze, rundlich, mit Brille. Der andere warst du. Mit schmalem weißem Haarkranz und dazu den hellblauesten Augen, die man sich vorstellen kann. Helle, klare Augen voller Wärme. Hans Albers wäre niemand dagegen gewesen.

Während meine Mutter und ich darüber verhandelten, ob wir Würstchen bestellen wollten, erfreutet ihr beiden Herren euch an einem Kaffee. Du sprachst meine Mutter an.

»Wir wohnen in Grömitz an der Ostsee«, erklärte Mama, »und wir machen einen Abstecher hierher.«

Das Schiffchen legte in Plön an.

Da fragtest du meine Mutter, ob wir nicht Lust hätten, zu Fuß zur Altstadt von Plön zu laufen, es gebe einen sehr schönen Weg am See.

Du und dein Begleiter, ihr lächeltet freundlich. Ich sah jetzt, dass du ein Stück größer als der andere warst. Ich selbst reichte dir knapp bis zur Schulter.

Ihr stelltet euch als »Max« und »Ernst« vor – Schulfreunde aus Wiesbaden, die durch Schleswig-Holstein reisten. Welch eine Überraschung! »Ingrid« und »Kirsten« verrieten wir »Frankfurterinnen« unsere Namen.

Mama nickte mir zu und wir folgten euch einen wahrhaftig schönen Fußweg am Ufer entlang. Das Sonnenlicht spielte auf der Wasseroberfläche, die nur von kleinen, waldigen, runden Inseln unterbrochen war, der ganze See war von Wald umgeben.

»Was machen Sie in Frankfurt?«, wandtest du dich direkt an mich.

Ich zuckte mit den Achseln,

»arbeiten«, sagte ich mit einem Räuspern. Die Frage nach Kindern wollte ich nicht hören, denn die Zeit war an mir vorbeigeronnen und ein großer Wunsch hatte sich nicht erfüllt.

»Und Sie in Wiesbaden?«, fragte Mama keck zurück, um mir die Verlegenheit zu ersparen.

»Ich bin Rechtsanwalt«, erklärte Max.

»Und ich Geschäftsmann, wenn Sie das jetzt nicht erschreckt«, sagtest du. Dabei ruhten deine Blicke auf mir und schon lange nicht mehr auf meiner Mutter.

»Nein, nein! Warum sollte es«, murmelte ich. »Ich bin Filialleiterin in einer Drogeriekette.« - Aber es macht mir schon lange keinen Spaß mehr – fügte ich in Gedanken hinzu.

»Da haben wir ja beide kaufmännische Erfahrungen«, freutest du dich. »Wir sollten uns einmal darüber austauschen.«

 

Was du nicht wissen konntest, war, dass es fünf Jahre her war, dass mich mein Freund Günter verlassen hatte. Fünf lange Jahre. Jahre, in denen ich ums Überleben kämpfen musste, Jahre schließlich, in denen ich als ausgebildete Kauffrau im Einzelhandel meinem Chef gerade recht kam – Mitte 30, Single, kinderlos – Jahre schließlich, die ich für mein Leben verlor.

Du schautest mir in die Augen, schienst etwas zu ahnen von dem Kummer, der mich plötzlich überschattete. Du fragtest nicht weiter, zeigtest auf den See.

»Sehen Sie diese Schönheit?«, sagtest du leise. »Was empfinden Sie, wenn Sie das sehen?«

Mein Herz pochte. »Da weitet sich das Herz«, flüsterte ich. »Wie schön, dass wir Ihrem Rat gefolgt und nicht ins erstbeste Restaurant gelaufen sind«, fügte ich mit sicherer Stimme hinzu.

Du wandtest dich deinem Begleiter Max zu und ihr tauschtet leichte Worte. Smalltalk pflegte Max auch gegenüber Mama. Du dagegen strahltest viel mehr Verbindlichkeit, mehr Wärme aus.

Der Waldweg am Ufer war zu Ende. Durch eine Wohnsiedlung erreichten wir die Altstadt von Plön mit der Nikolaikirche und dem höher gelegenen Schloss. In einer der zahllosen Bäckereien in der Fußgängerzone stärkten wir uns mit Pflaumenkuchen. Das weiß ich noch: Du und ich, wir bestellten ihn ohne Sahne, Max und Mama mit.

Ich betrachtete deine Hände. Langfingrig und adrig. Kein Ring. Kein Schmuck. Auch meine Finger waren nackt. Ob du es wahrnahmst?

Du hieltest die Kuchengabel geschickt in der Hand, aßt unbefangen drauflos. Ich fand es sehr schön, dir beim Essen zuzusehen. Genau das beunruhigte mich. Was gingst du mich an?

 

Ich hatte schon immer eine seltsame Sehnsucht nach reiferen Männern. In meiner Jugend war das noch etwas Aufregendes gewesen: Mein erster Mann war ein Lehrer an unserer Mädchenrealschule. Ich war 16 und er mochte 40 gewesen sein. Ein ruhiger Typ, aber ich vermochte ihn zu erregen, wenn ich mit geschickt ausgeschnittenen T-Shirts und kurzen Röcken in seinem Unterricht saß. Meine Mitschülerinnen schenkten ihm keine Beachtung, sie konzentrierten sich auf sich selbst, ihre Mädchenfreundschaften und ein paar gleichaltrige Jungen. Ich schwamm am Rande eher mit. Warf begehrliche Blicke auf meinen Englischlehrer, der so schön intonierte und artikulierte. Einmal blieb ich nach seinem Unterricht so lange in der Klasse, bis außer ihm und mir niemand mehr da war.

»Ich mag Sie sehr ...«, wagte ich auszusprechen.

»Gehen Sie jetzt in die Pause«, sagte er in strengem Ton.

Später schrieben wir uns Briefchen, die wir uns verschämt zusteckten. Dann kam es wirklich zu einer Verabredung in seiner Wohnung. Und auch zu Sex. Mein erstes Mal. Die Sache war fatal, sie flog auf. Der Lehrer wurde suspendiert. Und was mich betraf, peitschte Mama es durch, dass ich den Realschulabschluss noch machen konnte. Er hieß Bernhard Göttler. Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört.

Es hat sehr lange gedauert, bis ich dir von ihm erzählt habe.

 

Auch wenn es damals den Anschein gehabt hatte, wurde ich kein frivoles Geschöpf. Nach der Realschule die kaufmännische Lehre. Dann arbeitete ich in einem Lebensmittelgeschäft. Mama war froh, dass ich finanziell auf eigenen Füßen stand. Früh von ihrem Mann verlassen, hatte sie mich allein durchgebracht. Als ich arbeiten ging, atmete sie auf, denn sie hatte nun auch wieder Zeit für sich. Ob sie Männer hatte? Weiß ich nicht. Jedenfalls gab es keinen festen Freund. Wahrscheinlich hat sie alles zurückgestellt für mich – dachte ich später, etwas beschämt.

 

Nach der viel zu frühen und unglückseligen Affäre mit meinem Lehrer gab es in den folgenden Jahren auch für mich keinen Mann. Ich wollte niemanden an mich heranlassen, fühlte mich verwundet, ja beschmutzt. Doch mit 19 lernte ich auf einer Tanzveranstaltung den Anfang 50-jährigen Heimo kennen. Er war sofort hinter mir her. Gewissermaßen faszinierte er mich auch, mit den Falten um die Augen, den sich schon stark andeutenden Tränensäcken und den Grübchen um den Mund.

»Der ist viel zu alt für dich«, sagte Mama, als Heimo nach dem dritten gemeinsamen Spaziergang im Park mit einem Blumenstrauß vor der Tür stand und nach mir fragte. Sie bat ihn zwar herein und bot ihm ein Glas Wasser an, aber in der Küche nahm sie mich kopfschüttelnd beiseite. Auch meine Freundinnen, die ich noch aus der Schulzeit hatte, beglückwünschten mich nicht gerade zu meinem Fang. Erschwerend kam hinzu, dass Heimo schüchtern und etwas ungeschickt in seiner Konversation war. Ich war zu stark für ihn und so wurde nichts Dauerhaftes daraus.

»Nimm dir nie einen älteren Mann!«, schärfte Mama mir ein. »Den hast du später am Rockzipfel und du musst ihn pflegen!«

Ich wollte es mir merken. Nicht nach Heimo denselben Fehler machen. Was dachte Mama wohl, als sie mich in der Bäckerei in Plön dir gegenübersitzen und schöne Augen machen sah? Da lag das Desaster mit Günter doch längst hinter uns, nur der Schmerz darüber war noch aktuell.

Ich machte dir schöne Augen, in der Tat. Denn solch ein liebes und freundliches, gleichzeitig entschieden wirkendes Gesicht wie deines hatte ich noch nicht gesehen. Ob wir uns wiederbegegnen würden? Das musste jetzt von dir ausgehen. Der Kuchen war gegessen. Wir erhoben uns. Streifte deine Hand meine Schulter oder bildete ich mir das nur ein?

»Darf ich Ihnen meine Visitenkarte geben?«, fragtest du.

Ich nickte.

»Wie lange sind Sie denn noch in Grömitz?«, legtest du nach.

»Vier Tage ... noch«, antwortete ich eifrig.

»Wenn Sie Lust auf einen Besuch hätten?«

Du schautest mir tief in die Augen.