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Walzer mit Mr. Spock

 

Das Zimmer ist grau. Die Ecken an der Decke sind von Stockflecken gesprenkelt. Sterne sind das, schmutzige Sterne, eine Kloake aus Schimmelpilz. Ich schaue hinauf, damit sie sich verflüchtigen, aber sie bleiben. So wie ich bleibe.

Wenigstens bin ich allein. Für ein paar Stunden zumindest. Aglayas Bett ist leer. Sie hat immer jemanden, der sie auf einen Ausflug mitnimmt, vor allem ihren Mann.

Allein sein ist gut, sehr gut. Zu zweit heißt immer sich zusammenreißen. Alleine bin ich ungestört. Ich geh an meinen Spind, den schmalen für die Sportbekleidung, er ist von außen und innen rostig weiß. Die Scharniere der Tür quietschen und mein Blick fällt auf ihre Innenseite. Da klebt er, lebensgroß, mit den markanten spitzen Ohren, dem schwarzen Kurzhaarschnitt, den knochigen Wangen und den vampirhaften Augenbrauen. Er grüßt mich mit der Vulkaniergeste: die Hand erhoben, die Handfläche mir zugewandt, Mittelfinger und Ringfinger auseinandergespreizt. Ich grüße zurück.

Meine Beine können nicht ruhig bleiben. Sie tänzeln hin und her. Sie wirken dicklich, die Beine, in meiner engen Legging-Hose. Mein T-Shirt hängt labberig bis vor die Oberschenkel. Ich tanze weiter, fasse das T-Shirt an einem Zipfel, schwenke es, wie eine Flamencotänzerin ihren weiten Rock. Dazu stampfen meine Füße monoton immer wieder auf, ohne dass ich meine Knie zu sehr anhebe. So tanze ich, tanze mit Mr. Spock.

 

Auf dem Tisch sehe ich den Massage-Igel. Er ist groß wie ein Tennisball, ist aus Gummi, knallgelb und hat Noppen. Den angele ich mir. An den Seiten meines Körpers lasse ich ihn entlangrollen und muss aufpassen, dass er nicht herunterfällt. Herunterfallen zerstört die Stimmung. Herunterfallen heißt bücken, wieder aufheben, neu anfangen. Ich schaue Mr. Spock in die dunklen Augen und lasse den Igel unter meinem T-Shirt weiterrollen, das ich hochgezogen habe. Zwischen meinen Brüsten bewegt sich der gelbe Ball, auch darunter. Spocks Augen haben solch eine unendliche Tiefe. Dabei gibt er immer vor, keine Gefühle zu haben.

Aber welcher Mann hat mehr Gefühle als der, der damit geizt?!

Der Igel wandert tiefer. Zwischen meinen Schenkeln kann ich ihn kaum festhalten. Ich muss mich bücken. Mein Blick löst sich nicht von den Augen meines galaktisch weit entfernten Liebesobjekts. Der Ball kreist vor meiner Scham, ich spüre meine krausen Haare durch die Baumwolle der Legging. Mein Atem wird heftiger, meine Bewegungen werden es auch. Da wird hinter mir die Tür aufgestoßen. Es ist Günter, einer der Pfleger. Sie kommen immer ohne anzuklopfen rein, Männer oder Frauen, es ist egal. Ich fahre hoch, in dem Moment hat Günter mir den Ball schon aus der Hand gerissen. Er holt aus, als wolle er mich ohrfeigen. Aber das tut er natürlich nicht.

„Ich sollte das abreißen“, meint er nur.

„Regine, komm in den Gemeinschaftsraum“, sagt er dann. „Mach ein wenig Musik.“

 

Ich kann Gitarre spielen, ein bisschen geht das immer noch, und das erfreut die ganze Station. Immer wieder soll ich die alten Songs wiederholen, von Simon & Garfunkel, Neil Young und Hannes Wader. Ich konnte auch mal dazu singen, aber die Stimme ist mir eingefroren. Ich kann nur noch leise sprechen und manchmal schreien.

Mit dreißig krank und eingesperrt, das ist ein harter Schlag.

Ich hab auch mal meine eigenen Songs geschrieben, aber die würde ich niemandem zeigen. Jedenfalls hier nicht. Alles ist zu Hause in meiner Wohnung, meiner verwaisten Wohnung, zurückgeblieben. Die Wohnung ist ein Grab, wo nicht ich selbst, aber meine Seele begraben liegt. Meine Seele staubt dort langsam zu, weil sich niemand um sie kümmert. Bald wird sie ersticken, während mein Körper hier zugrunde geht. Schon zehn Monate. Starke Medikamente haben mich aufquellen lassen. Zwölf Kilo Gewichtszunahme in so kurzer Zeit. Ich bin eine Tonne. So werde ich auf keiner Bühne mehr mein Publikum für mich einnehmen können.

 

Mr. Spock ist so ruhig und so vernünftig. Er hat vor nichts Angst. Er lässt sich durch nichts aus der Fassung bringen. Dafür liebe ich ihn.

 

Ich setze mich auf einen Hocker, den roten, der relativ hoch und breit ist. Ich lege die Gitarre in die richtige Position und klampfe eine uralte Melodie von Hannes Wader. „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort …“ Niemand hört mir zu. Zwei Männer spielen Backgammon, ein paar andere beschäftigen sich mit einem abgewetzten Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. Wieder andere sitzen bloß rum und starren in die Gegend. Vor allem die Frauen. Um etwas zu lesen, ist bei allen der Medikamentenspiegel zu hoch. Und Handys sind verboten. Ich tu mir leid. Ich bin am Ende, total am Ende. Ich werde hier einfach sterben. Kaum bin ich da, bleibe ich bis in Ewigkeit.

 

Da geht die Tür auf und Mr. Spock kommt rein. Ich weiß, dass er es ist, und ich weiß, dass ich nicht verrückt bin, weil er leiblich hier hereinkommt und nicht mehr nur in meinem Spind klebt. Mr. Spock lebt, er ist aus Fleisch und Blut. Er ist jung. Er trägt einen weißen Kittel mit großen Taschen. Für ihn ist das Handy nicht verboten. Hängen ihm Kopfhörer aus der Tasche? Oder ist es ein Stethoskop?

Von Medizin versteh ich nichts. Mehr von Musik. Manchmal von Sprache. Mr. Spock schaut mich an. Seine Haare sind heute besonders borstig. Seine Augen sind mehr braun als schwarz. Die Augenbrauen eher geschwungen als eckig. Trotzdem. Er ist es, und ich spüre, dass er mich liebt. Dass er die ganze Zeit auf mich gewartet hat. Und jetzt bin ich da.

Er ruft mich. Er ruft mich wirklich.

„Frau Rogge, kommen Sie bitte mit in mein Sprechzimmer.“

Mr. Spock macht  eine einladende Handbewegung. Ich erhebe mich schwerfällig, weiß nicht, wo ich die Gitarre anlehnen soll. Der Pfleger Günter nimmt sie mir ab. Dann trotte ich hinter Mr. Spock her. Er hat ein schönes Zimmer, mit einem weißen Schrank und einem braunen Schreibtisch. Glasfiguren stehen in einer Vitrine an der Seitenwand, kleine Vögel und Schmetterlinge mit geschwungenen Flügeln, in Orange oder Blau. Spock bedeutet mir, mich hinzusetzen, und nimmt hinter dem Schreibtisch Platz. Er verhält sich nicht wie Mr. Spock und doch weiß ich, dass er es ist.

„Ich bin Dr. Daniel, der neue Stationsarzt“, erklärt er mir.  „Ich bin jetzt für Sie da – jedenfalls zweimal die Woche.“

Ich weiß genau, dass man vor den Ärzten nie das aussprechen sollte, was man wirklich denkt. Dann wird die Medikamentendosis sofort hochgeschraubt. Also sage ich ihm nicht, dass er Mr. Spock ist, sondern nicke nur stumm mit dem Kopf.