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Videolesung 5.6. - 31.7..2020

 

Gefördert von SELBSTHILFE SEELENWORTE RLP im BPE e.V.

 

Susanne (Czuba --)Konrad hat Fachbücher zu Integration und Kreatives Schreiben veröffentlicht, regionale Anthologien herausgegeben und leitet Schreibworkshops. 2005 erschien ihr erster Roman. Die Autorin schreibt

über das Zueinanderfinden von Menschen unter Widrigkeiten, insbesondere im
Fokus psycho sozialer Leiden. Die drei Geschichten ihres jüngsten Buches handeln von der Frage, was wichtiger ist: Die gesellschaftliche Konvention oder die Wahrhaftigkeit des Gefühls, jenseits gesellschaftlicher Schranken.
Im titelgebenden Walzer mit Mr. Spock “ geht es um die Liebesbeziehung zwischen einer Psychiatriepatientin und ihrem Arzt (!) Das
Werk gewährt filigrane Einblick e in klinikpsychiatrisches Alltagserleben
aus Patientenperspektive. Sympathisch verschwimmt in der literarischen
Darstellung die Grenze zwischen Realität und Phantasie zu neu erlebter
Wirklichkeit, auch jenseits traditioneller "Krank" Zuschreibung.

Gangolf Peitz                

 

Leseprobe     

      

(...) Da geht die Tür auf und Mr. Spock kommt rein. Ich weiß, dass er es ist, und ich weiß, dass ich nicht verrückt bin, weil er leiblich hier hereinkommt und nicht mehr nur in meinem Spind klebt. Mr. Spock lebt, er ist aus Fleisch und Blut. Er ist jung. Er trägt einen weißen Kittel mit großen Taschen. Für ihn ist das Handy nicht verboten. Hängen ihm Kopfhörer aus der Tasche? Oder ist es ein Stethoskop?

Von Medizin versteh ich nichts. Mehr von Musik. Manchmal von Sprache. Mr. Spock schaut mich an. Seine Haare sind heute besonders borstig. Seine Augen sind mehr braun als schwarz. Die Augenbrauen eher geschwungen als eckig. Trotzdem. Er ist es, und ich spüre, dass er mich liebt. Dass er die ganze Zeit auf mich gewartet hat. Und jetzt bin ich da.

Er ruft mich. Er ruft mich wirklich.

„Frau Rogge, kommen Sie bitte mit in mein Sprechzimmer.“

Mr. Spock macht  eine einladende Handbewegung. Ich erhebe mich schwerfällig, weiß nicht, wo ich die Gitarre anlehnen soll. Der Pfleger Günter nimmt sie mir ab. Dann trotte ich hinter Mr. Spock her. Er hat ein schönes Zimmer, mit einem weißen Schrank und einem braunen Schreibtisch. Glasfiguren stehen in einer Vitrine an der Seitenwand, kleine Vögel und Schmetterlinge mit geschwungenen Flügeln, in Orange oder Blau. Spock bedeutet mir, mich hinzusetzen, und nimmt hinter dem Schreibtisch Platz. Er verhält sich nicht wie Mr. Spock und doch weiß ich, dass er es ist.

„Ich bin Dr. Daniel, der neue Stationsarzt“, erklärt er mir.  „Ich bin jetzt für Sie da – jedenfalls zweimal die Woche.“

Ich weiß genau, dass man vor den Ärzten nie das aussprechen sollte, was man wirklich denkt. Dann wird die Medikamentendosis sofort hochgeschraubt. Also sage ich ihm nicht, dass er Mr. Spock ist, sondern nicke nur stumm mit dem Kopf.

„Wie heißen Sie?“, fragt er mich. „Wo geboren?“

„Regine Rogge, geboren am 24.8.1987 in Frankfurt am Main.

„Wie geht es Ihnen? Wie fühlen Sie sich?“

Eine Routinefrage, die Ärzte immer stellen. Aber von Mr. Spock muss sie ernst gemeint sein. Weil er mich doch liebt. Und wenn man jemanden liebt, will man doch wissen, wie es ihm geht. Also antworte ich ihm:

„Ganz furchtbar. Ich weiß keinen Ausweg mehr.“

„Deshalb habe ich Sie auch hergebeten“, sagt Dr. Daniel Spock leise zu mir. „Ich hab die ganzen Patientenkarteien meines Vorgängers, des verehrten Dr. Lutz, an den Sie sich sicher auch noch erinnern, durchgesehen und fast überall Behandlungserfolge feststellen können, nur bei Ihnen nicht, Frau Rogge. Über ein halbes Jahr sind sie mit Ihrer Gitarre jetzt hier und nichts wendet sich zum Besseren.“

„Wo soll das Gute herkommen?“, frage ich zaghaft zurück. „Mein Leben ist zerbrochen. Ich kann nicht mehr singen. Ich kann nicht studieren, nicht arbeiten, habe keine Familie, keine Freunde.“

Meine Augen füllen sich mit Tränen. Daniel Spock sieht darüber hinweg. Er sagt aber: „Sie scheinen mir sehr begabt zu sein. Vielleicht kann ich einen Gitarrenlehrer organisieren, der etwas mit Ihnen spielt und singt.“

Ich schau ihm in sein Spock-Gesicht – die schönen hageren Wangen passen jedenfalls genau – und sag ihm leise, wenn man innerlich tot ist, dann bringt auch äußerer Unterricht keinen Nutzen.

Mr. Spock geht um seinen Schreibtisch herum, bleibt vor mir stehen, nimmt meine Hand, zupft leicht an meinen Fingern, damit ich mich erhebe. Er tritt einen Schritt zurück. Das Braun seiner Augen ist jetzt sehr hell. Er deutet zur Tür.

„Ich werde über Sie nachdenken“, sagt er zum Abschied. „Vielleicht fällt mir etwas ein, womit ich Ihnen helfen kann.“

Wieder in meinem Zimmer bin ich immer noch allein. Ich öffne die Tür von meinem Spind und betrachte Mr. Spock nachdenklich. Er ist schon echter als Dr. Daniel. Aber nicht wirklicher. Der Spock im Schrank ist unbeweglich und starr. Sein Blick ist streng. Er kann die Augenbrauen nicht bewegen und verharrt in einer kommunikativen Endlosschleife mit seinen gespreizten Fingern. Ich schließe die Tür. Der gelbe Schmuse-Igel liegt vergessen irgendwo am Boden. Ich hebe ihn auf und dotze ihn ein paar Mal gegen meinen Spind. Wieder wird die Zimmertür aufgerissen, wieder ist ein Pfleger da, diesmal die Marianne, und die nimmt mir den Ball einfach weg. Fertig.

(...)